| Vor-Brief W
. . . und schlug anschließend "Ich und Du" von Martin Buber auf. J
Buber lese ich nicht mehr so oft. An seiner Stelle sind Emmanuel Levinas, Jacques
Derrida und 'Jean-Luc Nancy gekommen. Der Philosoph Levinas hat mich seit
1970 sehr angesprochen. Ich habe ihn einige male besucht. Es kann im Anfang schwierig
sein ihn zu verstehen. Er hat einen ganz anderen Denkweg. Er fängt an beim
Sehen des Anderen der mir begegnet. W
Von ihm habe ich noch keine Zeile gelesen, gib mir einen Tipp. J
Etwas über Levinas, sehr kurz: Der andere Mensch ist heilig. Ihm gegenüber
bin ich verpflichtet. Jetzt fängt alles an. So. Kürzer geht es nicht.
Du kannst fragen: was ist heilig? Was ist und wieso Verpflichtung? Wieso Anfang?
Anfang von was? Gut gefragt. Der
Andere? Levinas gebraucht das Wort "Visage" (celui qui vous vise - der
dich ansieht). Man sieht den Anderen sehen. Man sieht des sehen: visage. W
"Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht" habe ich angefangen
zu lesen. Nach den ersten Seiten, ich brauch Deine Hilfe. J
Levinas hat mir 1970 das erste Kapitel von "Autrement. . ." gelesen.
Er hinter seinem Büro und ich ihm gegenüber. Er hatte es geschrieben
auf Zettelchen, Wegwerfpapier. Es war ein Häuflein Blätter. Ich will
Dir helfen es zu lesen. Halte Dich an den Text. . . komme wenn Du willst mit einer
Frage. W
Bei "komm mit Deiner ersten Frage"habe ich zuerst gezögert. Nun
also gut, lass uns bald mit der Arbeit beginnen, wir werden dann sehen, was daraus
wird. Auf der Suche nach Emmanuel Levinas in «Autrement qu’être ou au delà
de l’essence » La Haye, Nijhoff,
1974. “Jeseits des Seins oder anders
als Sein geschieht“, Verlag Karl Alber, Freiburg/München
1992. „Anders dan zijn,“ Baarn, Ambo 1991.
Zeichenerklärung:
W ist Waldemar (1W ist der erste Brief von W, 1W1 ist erster Brief,
erster Teil) J ist Jan Jede Ablieferung (Brief 1 zum Beispiel) ist ein Text.
Man kann W1, W2 usw. zusammen kleben. Dann
sieht man eine Spur des ersten Lesens. In den Text sind Fragmente hinein gesetzt
um den Fragen etwas wie einen Grund, einen Platz zu geben. Brief 1 020308 1W1 VOR dem Text, das Buch von Emmanuel Levinas ist
noch nicht aufgeschlagen, der Titel: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Frage: EIN oder ZWEI Titel? Was bedeutet das oder? anders? Kommt hinter dem oder
die Wiederholung/Verdopplung in anderen Worten? oder sind es zwei
verschiedene Modalitäten? J Im Original sagt der Titel: Autrement qu’être ou au-delà de l’essence. « Ou », oder.
Mit andere Worte. Es wird zweimal das Gleiche gesagt.
So steht es: „Oder“ Aber, wenn man zwei Mal dasselbe
sagt, warum dann zwei Mal? Die Wiederholung “mit andere Worte“
ist nie eine Wiederholung. Es kommt immer etwas hinzu. Vorsichtig. Bescheiden.
Um zu helfen. Vielleicht eine erste, kleine Erklärung.
Die Erklärung soll sein, dass es
sich handelt um etwas das űber die Essenz hinaus geht. Essenz, das Wesen. In der Vorbemerkung (note préliminaire“)
schreibt Levinas,dass er es nicht gewagt hat Essance statt Essence
zu schreiben. Essance wäre besser um zu zeigen,dass es sich hier nicht
um ein Substantiv handelt, sondern um ein Verb (d’ action).
Im deutschen Titel hat man das angedeutet
mit: das “Sein das geschieht“. Frage: was soll das sein, das Sein
das geschieht? Was will damit gesagt werden? Erste Antwort: Eine Blume macht keine Geschichte.
Der Mensch macht Geschichte, geschieht. Also etwa: nicht „ich bin“, sondern
„ich geschehe“. Das jenseits im Titel hat man genommen
aus dem Originaltitel. Dort stand es bei Essenz. Jenseits der Essenz. Jetzt der Anfang. Autrement qu’ être. Es wird nicht gesprochen über ein autre être,
ein anderes Sein. Autrement ist ein Wort das sich bezieht auf ein Verb. Anders
als Sein. Es will gesprochen werden über
etwas das anders ist als Sein. Mann kann sich fragen was da gesagt
wird. Dazu braucht Levinas das vorliegende Buch. 1W2 Frage: SEIN? Ein Begriff, gehört, gelesen, oft definiert, von mir
nie begriffen, irgendwie ein übermächtiger alles mit sich reißender,
erdrutschartiger Strom aus Steinen, Erde, Wasser,der sich seit über 2000 Jahren
mit zunehmender Geschwindigkeit durch das philosophische Denken wälzt. Es scheint klar: der Text beginnt nicht bei NULL. Frage: Muss ich vorher etwas wissen? Platon lesen? Platon? Auch er hat wohl schon an jenseits von Sein . . . gedacht. J Sein soll mann naiv verstehen, als gäbe es nichts von
Philosophie. Das Sein von „Wo bist du?“, „Wo
ist mein Schlüssel?“, „O, dort bist du!“ Also den Anfang kann man andeuten als beim Nullpunkt. Inzwisschen sind wir Philosophisch auf dem Gebiete
der Metaphysik. So gelernt es scheint,
auch dies ist naiv. Aristoteles hat erst über die Physik geschrieben und dann
die Bücher „Nach der Physik“, meta ta fysica. Das bedeutet an erster Stelle:
über was man nicht gleich sieht, nicht kann berühren. Etwas das nach das Konkrete
kommt. 1W3 Aber gut, ich muss das Buch aufschlagen und beginnen. Es beginnt mit einer Widmung, auch diese zweifach,
einmal in hebräischen Buchstaben, einmal in der Übersetzung Dem Gedenken der nächsten Angehörigen unter den sechs
Millionen der von. . . Frage: verstehe ich das richtig? Der Text fängt hier nicht irgendwo bei Null an,
sondern ist geschrieben FÜR Millionen
und Abermillionen. . . (wir haben schon einmal über Paul Celan gesprochen). J Die Widmung auf französisch/deutsch/nederlands und
hebräisch ist die gleiche (obwohl es ein Unterscheid gibt – aber das ist immer
so wo es um Gleiches geht). In der Widmung wird klar, dass die Nächsten neben
die anderen Opfer stehen. Stellvertretend. 1W4 Eine Seite weiter, ein Motto? Dreimal Ezechiel. Unbequeme,
verstörende Worte werden hier gesagt. Frage: Kann ich das erstmal so hinnehmen und weiter
gehen? J Die Texte sind hors d’oeuvre, Vorspeise. Sie geben
vielleicht eine Ahnung, aber sind kein Teil des Kommenden. Inzwischen kann man sehen was angedeuted wird. Zum Beispiel: 1. Zu Ezchiel 3,20 Der Andere heisst der Gerechte. Wenn er falsche Sachen
betreibt bin ich verantwortlich. Für all das Gute das er getan und durch seine
Fehler keine Bedeutung mehr hat, werde ich mich zu verantworten haben. Gibt es das denn? Das Buch muss Antwort geben. 2. Zu Ezechiel 9,4-6 Die Opfer der Gewalt tragen ein Merkmal. Die ohne
Merkmal werden getötet werden. Wie ist das möglich? Was ist hier los? Fange an in der Nähe des Heiligtums. Also das was
übel ist, die Menschen die andere opfern, findet man an erster Stelle in der Nähe
des Heiligen? ??? 3. Rasji bei Ezechiel 9,6 Rasji ist ein Ausleger des 11ten Jahrhundert mit großer
Autorität. Beim Heiligtum, das heisst die Menschen die wir vor
Augen haben. Die letzte zwei Bemerkungen machen jedenfall klar,
dass mein Platz in der Sonne, so selbstverständlich es scheint, Anfang ist von
sich zueignen. Etwas das mir nicht gehört nehme ich als gehörte es mir. Geht das? Und: Was ist Hass denn? 1W5 Dann kommt die Vorbemerkung des Autors mit einigen
Definitionen, die ich jetzt überspringe, Hinweise auf frühere Veröffentlichungen
usw. Ein Satz fällt mir besonders auf: Doch einen nicht durch das Sein infizierten Gott zu
vernehmen, ist . . . Bevor Kapitel I, Sein und Sich-vom-Sein-Lösen, beginnt,
bin ich schon so durch-ein-ander, dass . . . Frage: keine Frage? J Eine Verantwortung des Textes, sicher wenn dieser
Text gewachsen ist während eine längere Zeit, soll möglich sein. Die letzte Alinea ist deutlich anders. Es wird gesprochen über das Subjekt-sein, ich-sein
– als eine Ausnahme. Ich bin eine Ausnahme. Lese diese Alinea sorgfältig. (Ich
muss die deutsche Ausgabe haben, wenigstens einige Seiten in Kopie). Und reden
nicht gleich vom Letzten. In den letzten Sätzen schreibt Levinas über Gott der
nicht infiziert ist durch das Sein. Er ist dem Sein entzogen. Mann kann ihn nicht
zeigen, sich zueignen, greifen. Gott der dem Sein entzogen ist, hören, sollte
nicht weniger wichtig und nicht weniger prekär sein als das sein aus seine Vergessenheit
holen. Heidegger zum Beispiel schreibt über derart Sachen. Brief 2 050308 2W Deine Bemerkungen zu Ez 9, 4-6 sind mir noch unklar
geblieben. Könntest Du noch mal in den Text sehen. Die deutsche Übersetzung: . . ., die aber das Zeichen tragen, rührt nicht an,
und beginnt mit meinem Heiligtum. Kommentar Rachis zu Ez 9,6 im Talmudtraktat Sabbath,
55 a: "Lest nicht und beginnt mit meinem
Heiligtum, sondern und beginnt
mit denen, die mich heiligen. Deine Erklärung fand ich etwas mißverständlich. J Ich war entsetzt als ich die Zeilen nochmal las. Den Schreck siehst du in
meine Worte. Nochmals. Ich lese zuerst: Der Mann im Leinen gekleidet soll ein Zeichen schreiben am
Stirn der klagenden. Sie sollen gespart werden. [ Das lässt auch Gen 4 mit hören:
Cain bekommt ein Zeichen.] Zu den anderen wird gesagt das sie ohne Unterschied
...usw. Sie sollen anfangen beim Heiligtum. Rasji sagt dazu: lese beginnen mit
denen die mich heiligen. Aber lese dies nicht als eine Erklärung. Es ist als sieht Ezechiel die Trümer
uns diese Gedanke kommen bei ihm hoch. Es ist zu lesen wie eine Kerze die am Rande
des Textes brennt.
Brief
3
060308 3J1
Frage: wie weiter? 2J2
Ich schlage vor, anzufangen mit Kapitel IV, auf französisch: La Substitution,
auf deutsch: Die Stellvertretung. Es ist ja ein Text, er ist ausgeschrieben.
Man kann einen Kuchen überall anschneiden, auch wenn dies etwas fremdartig
scheint. Warum IV? Siehe die Vorbemerkung. Frage. Fragen ist Lernen. 3W1
Ein Bild: eine Kerze, die am Rande des Textes brennt. Ein
anderes Bild: ein Kuchen, der angeschnitten wird. Anders
als ein Bild: ". . ., ohne etwa wie ein schlechter Koch verfahrend, irgendeinen
Teil zu zerbrechen" (Sokrates in Phaidros von Platon). J
Für das Zerbrechen fürchte ich mich nicht. Denke auch
an Jer 1,10; das hat mich immer beeindruckt: auszureuten, einzureißen, abzuschwenden,
hinzuschleifen, zu bauen, zu pflanzen. (übers. Buber-Rosenzweig). Vier-zwei.
In der heutige Philosofie
gibt es ein Begriff, introduziert von Jacques Derrida: Dekonstruktion. Es ist
ihm lange Zeit übel genommen. Mann hatte übersehen DeKONstruction. Als
ich damals meine Dokterarbeit machte habe ich gelernt, wieviel ich (mein sehen,
verstehen, denken, ordnen usw.) michselber vor meine Füße laufe. Fast
so wie Petrus. Er sagt: Du bist der Messias, um nachher nicht von Jezus zu akseptieren
was es heisst, der Messias zu sein: Nach Jerusalem gehen usw. (Mt 16).
(Schön ist auch
das du der Phaidros zitierst. Ich versuche zu übersetzen: J.Derrida, La pharmacie
de Platon. Ein Text aus etwa 1968. Ich übersetze damit der hollandische Leser
der das möchte Mal in der Küche eines Philosophen, über den Schulter
mitschauen kann. Ein Teil des Textes beschäftigt sich auch met den Phaidros.) 3W2
Wir sitzen immer noch vor
dem Text. Ein Titel, der zweimal das Gleiche und doch verschieden sagt, eine Widmung
in zwei SCHRIFTEN, zweimal Ezechiel und einmal Rachis Kommentar dazu und am Ende
der Seite das letzte Wort: Haß. Eine Vorbemerkung, die uns direkt ins 4.
Kapitel weist. Also wollen
wir weiter. weg? Frage:
Nach diesem vieldeutigen Anfang rechne ich kaum noch mit einem ein-deutigen Fortgang
und Ende des Textes. Aber was wollten wir? Einen Text lesen, wie ist das? Was,
wen suchen wir? Erklärungen? Bedeutungen? Den Autor Emmanuel Levinas? Uns?
Mich, Dich? IHN? J
Die Möglichkeiten die du nennst schließen einander nicht aus. Und was
solte das Ende des Textes sein. Ich hatten einen Professor, Ben Hemelsoet, der
sagt dann und wann Mal: Ein Text haltet jede Interpretation aus, außer die
welche den Text überflüßig macht. Für
mich heisst lesen jendenfalls sein Haupt verbeugen für das zu Lesene. Sich
hineinlassen. Ein text, so habe ich das gelernt von meine älteste Tochter
als sie 4 war, ist wie (d)ein Kind: Wenn du es Zeit gibst, so gibt es dir Zeit. Darum
auch: nicht so eilig. Locker lassen. Wer sich durch einen Garten eilt sieht fast
nichts. Was wollen
wir? Wer kennt seine Fragen? Sobald wir mehr wissen, möchten und können
wir auch mehr Fragen, vielleicht sogar besser Fragen. Besser: mehr am (Fern)ziel
coordiniert. 3W3
. . . und das Werk unserer Hände befestige über uns und das
Werk unserer Hände - befestige es. (Psalm 90). Frage:
Worum bitten wir, wenn wir beten: befestige es? J
Wie kommst du dazu dies zu
schreiben? Die Frage stellt sich an derjenige der dieses betet. Du bist also die
Adresse der Frage, scheint mir. Interessant
ist das der Beter (Leser) des Psalmes weiß von eine Adresse, oder vielleicht
noch besser, ein Gegenüber. Zu Ps 90,1 gibt eine Übersetzung mir auch
eine Hinweisung nach Deut. 33,27. Dass Bild dort ist schön: seine Arme zu
uns. Im Hierpglyphenschrift ist das das Gebärde von Zärtlichkeit. Die
Buchstabe heisst Ka. Man zeichnet sie als Schulter, zwei Arme mit Hände.
Jetzt deine Frage. Das
Tun unsere Hände richte auf über uns, übersetzen BR. Also:
lass es weiter gehen dann bloß uns unsre Nichtigkeit, Verlorenheit,
Traurigkeit. Der Psalmist ist nicht freudig, fragt auch in vv. 12-15 dass Gott
ihm helfen wird, freudig zu sein. Vielleicht
ist das die Richting. Einfach
gesagt: wenn eine(r) zu mir sagt (und meint) es ist gut so, gut gemacht, dan hat
mein Zögren uns mein ungewist, fast dilettantisch sein, kein Zweck mehr.
Ich kann mich nicht mehr verstecken, ich soll heraus kommen. Denke an Lazarus
(Nächsten Sonntag) . Ich
habe die deutsche Übersetzung bestellt. Jezt versuchen ich an zu fangen. Einen
Anfang met Kapittel IV. Brief 4 110308 4W1
Du hast gesagt, man kann nicht alles auf einmal lesen, nicht hier und dort, nur
hier. Mit La Substitution Eine Einführung habe ich also nun zwei Texte,
die deutsche Übersetzung des französischen Originaltextes und Deine
Einführung, eine andere Art der Übersetzung, die NEBENEINANDER vor mir
auf meinem Schreibtisch liegen als Hilfe. So werden die Augen also hin und her
wandern. Es beginnt mit
Paul Celan Ich bin du, wenn ich ich bin. Frage:
Kannst Du noch etwas zu Paul Celan sagen? J
Nein, ich kann zu Paul Celan nichts sagen. Ich lese dann und wann mal ein Gedicht
oder Fragmente. 4W2
Das Licht der Lampe erhellt den Platz am Schreibtisch, an dem ich sitze.
Draußen ist Nacht. Meine Hände liegen auf der Tastatur des Computers,
auf dem Bildschirm werden Buchstabe nach Buchstabe sichtbar. Die Tasten, die gedrückt
werden müssen, brauche ich nicht anzusehen, da ihre Lage in meinem Gedächtnis
gespeichert ist. Auf dem Tisch liegt eine Armbanduhr, es ist Mitternacht vorbei,
links daneben steht ein kleines Tässchen mit Goldrand, in dem ich die Medikamente
aufbewahre, die ich morgens und abends nehmen soll. Neben meinem Rosenkranz aus
weißen und rotbraunen Perlen liegen die Cantatas 25 von Johann Sebastian
Bach, "Jesu, der du meine Seele", dirigiert von Masaaki Suzuki, die
Du mir geschenkt hast. Rechts neben mir liegt die Elberfelder Bibelübersetzung,
das Duden Fremdwörterbuch, direkt vor mir "Autrement" von Levinas
und Deine Einführung zu La Substitution. Ein Glas Wasser steht da noch, fast
vergessen. Am Fenster steht ein siebenarmiger Leuchter und in den Fensterscheiben
spiegeln sich verschwommen die Möbel des Zimmers vermischt und überlagert
mit den Schatten der Nachbarhäuser und den vom Lampenlicht, das nach draußen
fällt, erleuchteten Sträuchern des noch winterlichen Gartens. Maria
ist schon schlafen gegangen, ihr Auge war entzündet und tat ihr sehr weh.
Meine Gedanken schneiden wie der Lichtkegel einer Taschenlampe Bilder aus der
Nacht. Das also ist das
Seiende, das was alles ist, wie es mir erscheint, identifiziert in meinem Bewusstsein.
In mir, von mir, für mich, durch mich. Mit Namen, Themen, Worten, Bildern.
Mein Konstrukt, mein Besitz. Mein Kennen und Erkennen und Wiedererkennen. Das
ist mein bewusst sein. So einfach ist das? Nicht
ganz. Es wird ja noch das Sahnetörtchen aufgetischt, das zuckersüße
selbst bewusst sein, bei dem die Augen mitessen und einem schon beim Anschauen
seines Bildes das Wasser im Munde zusammenläuft. Hier scheint uns nichts
mehr überraschen zu können, wir sind uns selbst und der um-uns-herum-liegenden
Welt, wie auf meinem Schreibtisch, ansichtig und gewiss geworden. Aus mir ist
ein uns geworden, ich und dies und das. Und sogar im sich verlieren und sich wiederfinden,
im auf und ab der Höhen und Tiefen seiner Lebensgeschichte, in Sieg und Niederlage
seines Krieges um einen Platz zum Leben, ist das selbst bewusst sein, ob aufgebläht
oder winzig, ganz oder zerstückelt, sich eines sicher, seines da. Frage:
Wars das? In mir regt sich Trotz. Gibt es Bilder, die anders als Bilder sind?
Die nicht gerahmt sind, an keiner Wand hängen, auf keiner Leinwand und keinem
Monitor zu sehen sind, die keinen Untergrund und keine Firnis haben. Sein, das
anders ist als sein? Wo. Wie. Wann. J
Was du in der ersten Alinea (Ist das Wort gut?) ((Alinea = Absatz)) beschreibst
ist dein Wohnen, dein Zu Hause Sein. Deine Welt. Levinas hat darüber das
meiste geschrieben in Totalität und das Unendliche. Zu schnell gesagt: in
meine Welt (meine Totalität) bricht etwas hinein das nicht etwas aus meiner
Welt ist, das von jenseits kommt, von draussen, unerwartet, unübersehbar,
usw., bis unendlich. Meine Welt. Das Wohnen, mein Ort, ist mein sich in meinem
Inneren zurück ziehen. Das brauche ich, das ist mein Haus: ein Dach über
meinem Haupt, eine Tür, die ich hinter mir schließen kann. Im zweiten
Teil von Totalität handelt es über diese Sachen. Ich werde das jetzt
nicht weiter auseinander setzen. Ich versuche mich zu beschränken. Meine
Welt, mein Leben: die zweite Alinea zeichnet das ausgezeichnet. In
der dritten Alinea machst du klar, dass das wohnen, das zu Hause sein, nicht ein
geschlossener Kreis ist, nicht eine tote Identität. Es regt sich etwas. Süß
fängt es an um sich dann schnell wieder abzuräumen (?), weg zu tun.
"Genug davon". Sehr schnell nimmst du die Zeit zusammen wie die Engel
in den Mosaiken einer alte Kirche in Istanbul über der Apokalypse den Himmel
wie ein Tuch aufrollen. Das da ist sicher schreibst du dann. Ich würde sagen:
das hier, ich. Eventuell: mich. Deine
Frage ist schwierig. Warum "wars das?". Das Trotz , hat das was zu tun
mit trotzdem. Du zeichnest eine immanente, in und um dich herum geschlossene Welt.
Diese ist etwas anderes als die Anonymität der (was ich nenne) großen
Welt, das il y a wo Levinas mehr oder weniger mit angefangen hat, vor und
während des Krieges. Il y a sagt man wo man in der deutschen Sprache
es gibt sagt. (Levinas hat irgendwo geschrieben, dass das "es gibt"
nicht immer so großzügig ist als das Verb vermuten läßt.)
Das es gibt spielt unter dem Titel, der auch eine Zusammenfassung ist von was
du schreibst: de l'existence à l'existant. Ich zitiere: (... Wach sein,
nicht schlafen können) auch wenn es keinen Grund gibt zum wach sein. Die
nackte Tatsache der Präsenz drückt einem hinunter: man ist gehalten
zu sein. Mann löst sich von jedem Objekt, von jedem Inhalt, aber es gibt
Präsenz. Diese Präsenz, die hoch kommt hinter dem Nicht-sein, ist nicht
ein sein, nicht das Funktionieren des Bewusstseins, das dich ausübt bis in
die Leere hinein, aber die universelle Tatsache des il y a das die Dinge und das
Bewusstsein umfasst."(Éd. 1947, S. 109) Woher es kommt, so endet das
kleine Kapitel, das geschehen des Subjectes? "Ist
das alles?" könnte bedeuten: "Das bin ich!" Ich, in meinen
Bildern, als meine Bilder, aber immer ich/meine. Du fragst: Gibt es Bilder die
anders als Bilder sind? Du sagst dazu: nicht gerahmt. Das könnte sein. Das
- ich neige dazu das zu improvisieren - könnte die Zukunft sein, oder das
Geschehen, das Geschehen dessen was geschieht. Du spürst vielleicht, dass
hier wieder etwas gesagt wird über vor, eher. (Vor ich als meine Archè,
Anfang und Ende, Horizont.) Sein
das anders ist als sein ... Das kann ein Mensch spüren wenn er außer
sich ist, ich meine nicht im Rausch sondern bei vollem Bewustsein. Das einfachste
Beispiel ist die Geburt eines Kindes. Da endet alles. Hier fängt eine neue
Welt an. 4W3
Draußen stand ich abends im Garten und rauchte. Die Glut der Zigarette glimmte
im dunkeln, der Nachthimmel leuchtete blau und in ihm glitzerten die Sterne. Aus
jener Weite Ferne schien auch ein Staunen in mich: dass überhaupt etwas ist?
Ich begreife es nicht. Was wäre wenn nichts. Das sein, es ist ein Wunder.
Auch eine Wunde. Adam, der Erdklumpen mit einer Seele, saß auf einem
Hügel und beobachtete die vorbeiziehenden Tiere und gab ihnen ihre Namen.
Als er sah, dass sie anders waren als er, war er einsam und sehnte sich nach Nähe.
Da wurde auch der Herr traurig, ließ ihn in einen tiefen Schlaf fallen und
brachte ihm eine Hilfe. Frage:
Das philosophische Denken des seins klingt sehr logisch. Es ist ein sehr effektives
Konstrukt, hat die neuzeitliche Wissenschaft und Technik hervorgebracht. Aber
wie sollen wir leben? Gibt es ein Gut sein, dass keine Habe haben ist? Warum töten
die Menschen sich in Kriegen, warum leben in den Städten mittlerweile mehr
Singles als Familien, warum lassen sich von denen die heiraten, nach kurzer Zeit
die Hälfte wieder scheiden, warum werfen Mütter ihre Neugeborenen aus
dem Fenster, warum spreche ich kaum mehr mit meiner Nachbarin, warum kann ich
unserem Priester keinen Respekt entgegenbringen, warum glaubt keiner mehr einem
Politiker, warum empfange ich die heilige Hostie obwohl so viel Hass in mir ist?
Warum kann ich meiner Frau und meinen Kindern so wenig Hilfe sein? Warum misstraue
ich meinem Nächsten? Warum? Was sollen wir nur tun? Was sollen wir nur tun? J
Nach der Meinung von Descartes (Cogito ergo sum. Ergo deutet eine Konklusion an.
Die Konklusion ist die Antwort auf die Frage. Also die Frage war mehr oder weiniger:
Sein ... was ist das? Eine Frage entsteht wenn sich gegen die Wand des alten etwas
neues abzeichnet. Also das Neue war das so-sein, ringsum 1500 als Ost und West
auseinander gegangen sind und Columbus ausfuhr zu einer neuen Welt. Alles war
anders.) Nach Meinung von Descartes ist "warum gibt es überhaupt
etwas, warum gibt es nicht vielmehr nichts?" die Anfangsfrage der Philosophie.
Aber dann kommst du schnell mit den armen Adam. Deine Kurze Lesung ist eine geläufige
Interpretation. Aber ich bin damit nicht einverstanden. Sehr kurz: Vor Genesis
12 soll erst einigermaßer verstanden werden was allein sein (nicht verbunden)
bedeutet. Zwei Hauptlinien sind hier: "Mensch sein vor Gott" und "Bruder
des Bruders" sein. Beide gehen zwei mal (Familie, Welt) nicht gut. Dann kommt
Abraham. Es stellt sich heraus, dass er eine Ausnahme ist, ein neuer Anfang? Nein:
etwas ganz neues. Gegenüber dem natürlichen, verständlichen, das
un- oder "mehr als" oder übernatürliche - einer der sich sagen
läßt, Abraham. Die
Warum-Fragen aus deiner Klage beschreiben was natürlich ist, der derech ha
eretz. So geht die Welt. Denke an die Menschen vor und nach Noach, vor und nach
der Katastrophe, als wäre nichts geschehen. 4W4 Levinas
gebraucht einen Begriff, der mir sehr gefällt und zutreffend scheint: Dispersion.
Dispersion ist die "feinste Verteilung, Zerstreuung eines Stoffes in einem
anderen, und zwar so, dass seine Teilchen in dem anderen schweben" (Duden
Fremdwörterbuch). In der Dispersion erscheint das Seiende als Abschattungen,
du nennst es Silhouetten, also ein Schattenbild. 
Waldemar Heppner

Waldemar Heppner
Frage:
Stelle ich die richtigen Fragen? J
Antwort: das kann man voraus nicht wissen.
Autrement
.., Kapitel IV Substitution 2
Brief 5 170308 5W1
Eine Spur von: DU MIR VORAUS, spüren: KOMM. Du kennst Levinas Denken in-
und auswendig, stehst vor mir mit überquellendem Wissen in Deinen Händen,
überzeugend und erhellend, mitreißend und anrührend, bereit alles
zu teilen. Freundlich tasten: Warum hast Du mich gesucht? Erschrocken zucken:
Ich weiß nicht! Heiliges versprechen: Wir werden uns sehen. Vertrauendes
annähern: Lass uns mit der Arbeit beginnen. Vor mir liegen Deine Texte, der
zweite Teil der Einführung in die Stellvertretung: die Spur, spüren,
empfinden, Nähe und nicht Wissen, ich stehe vor dem Anderen und Du bist schon
vorbei gegangen, ich bin ewig einsam und will Dir doch antworten. In meiner Haut
bin ich, die Spur von sich selbst geworden ist, Haut und Spur gleichzeitig, faltig
und runzlig, die meine schützende Grenze war, die berührt wurde und
die nun das Relief, ja von was nur, trägt. Erinnerung an DU VON DAMALS und
wie ich Dich durch die zerrissenen Alinea der Jahrzehnte weiter trug: "Ich
kannte mal einen Karmelitermönch aus Aalsmeer in der Nähe von Amsterdam"("sein
Freund Bert ruderte mit mir in einem kleinen Boot auf dem See, in Holland sagt
man Meer"). Nicht im ENTFERNTESTEN konnte ich wissen, vor dem ersten Brief
an Dich, was aus uns geworden sein würde bis heute. In zwei verschiedenen
Landschaften gehen wir, dort in Holland, einem ebenen Land, herangetragen von
den Jahrhunderten Ebbe und Flut, in dem das Auge schweift und weit und weiter
blickt, wo der Horizont das Meer ist und über allem der hohe Himmel, und
hier, im Bergischen mit seinen welligen Hügeln, deren devonische Kalksteinsschichten
in die Senkrechte gehoben, verwittert und überwachsen mit Buchen sind, darunter
verborgen, nur in den Steinbrüchen aufgeschlossen, Tiere aus einer geologischen
Zeit als sich Fische ans schlammige Ufer zappelten und darin versanken, bis sie
endlich auf ihren Flossen gehen lernten, wo schon nach wenigen Schritten alles
anders, nie Horizont erkennbar ist, wo am Waldrand eine Bank steht und der Blick
über eine ins Tal der Strunde abfallende Wiese, vorbei an grasenden schwarzgemusterten
Kühen, auf zwei oder drei an der Landstrasse stehenden Häuser, fällt,
und den davor abgestellten Autos, mit denen die Bewohner in die Stadt fahren werden.
Gedanken ohne Absätze, Zeilen ohne Alinea. In meinem alltäglichen Leben
gibt es keine Philosophie, in dem Milieu, in dem ich bin und arbeite kenne ich
niemand, dem das wichtig wäre. Oft wundere ich mich, wie die Leute ohne Poesie
und Kunst leben können, aber es geht sehr gut, meistens sorgen sie sich um
anderes. Alles wird immer teurer und ist kaum noch zu bezahlen. Und das wichtigste
ist und bleibt die Gesundheit. Oder wie richte ich geschmackvoll meine neue Wohnung
ein? Und dann steht jemand in der neu eingerichteten Wohnung und schaut an einem
trüben regnerischen Tag aus dem Fenster und in den Tropfen, die an der Fensterscheibe
herabrinnen, zittert es unmerklich, nur wie eine kleine Erschütterung. Es
war nichts. Wie kann man das sein und das jenseits dessen im Gewimmel der Dispersion
denn auseinanderhalten, auch wenn's philosophisch gut gemeint ist und für
die Systematik notwendig. Gibt es noch die sichere Arche? Sind wir schon wieder
verloren? In welchem Zustand befinden wir uns, wenn in Fortbildungsseminaren für
sozialpädagogische und sogar pastorale Berufe "Ich-Marketing" angeboten
wird. Mein Arche-Motto war stets: "Mich versteht ja doch niemand". Der
Holzkasten, wie die Christen des 3. Jahrhunderts in den römischen Katakomben
die Arche des Noah gemalt haben, der ausgesetzt immer mal wieder auf heftigen
Flutworten trieb, öfter noch auf seichtstillen Wortgewässern dümpelte,
war meine letzte Waffe. Du könntest vielleicht sagen: "Wenn Du verstanden
werden willst, dann drücke Dich mir verständlicher aus". Aber sag
das nicht.
J Abstand ist das erste was sich am Ende klar abzeichnet. Und das ist
schön. Ich bin nicht du. Und du bist nicht alles immitten dessen du stehst.
Alles ist dort. Und du/ich hier. Nicht zu messen ist die Entfernung. Schöpfung
ist Trennung, Scheidung (être creé, être séparé),
schreibt Levinas. Er denkt bei Schöpfen also nicht an in Händen haben
(Besitz, "Meines") aber los lassen, gehen lassen.
Philosophie,
das weisst du, ist nicht nützlich. Es dient keinem Zweck. Man sucht Weisheit
nicht. Man möchte sie vielleicht suchen. Man möchte sich anschließen
bei denen die auch die Krankheit haben aus dem Nest herausgefallen zu sein "und
wo sind dann meine Flügel? Gibts diese überhaupt noch?" Leider
sind wir keine Vögel. Wir haben gelernt zu stehen. Selbstständig. Und
wir schauen uns an, was sich vor unseren Augen abspielt. Die Menschen, die Gesundheit,
das Haus, das Auto, der Tropfen an den Fensterscheibe. Ich-marketing.
Gott sei uns gnädig. Aber
gibt es die sichere Arche? 1. Das Wort für Arche auf hebräisch
ist das gleiche als das was der Text gebraucht für Mose in seinem Kästlein
aus Schilf, verlehmt mit Lehm und mit Pech - Richtung Mittelmeer. Den werden wir
also nicht mehr sehen! Es stellt sich heraus, das das ein Irrtum ist. Er wird
die ganze Geschichte tragen, die anbrechen wird wenn ein Mädchen ein weinenden
Knabe sieht. 2. Gibt es? Nein. Gibt es nicht. Warum soll es das geben? Und
wenn es das geben würde, wer lässt sich einengen in eine "Kiste
zum fahren wenn es überhaupt kein Wasser gibt?" 3 Gibt es?
Ja. Es gibt so etwas. Die Arche könnte ein Wort sein. Dann kommt es drauf
an zu hören. Mit dem Hören ist es wie mit dem Grün. Ich
lese nochmals deinen ersten Text. Ich kenne Levinas nicht ein- und auswendig.
Ich versuche immer wieder aufs neue von vorn heran zu lesen. Immer wieder anfangen.
Es ist wie bei einem guten Film. Wenn du einen Film siehst, der dir -sehr gefällt
und du kaufst eine DVD und siehst zum zweiten Mal, dann verstehst du nicht was
du das erstmal gesehen hast. Fast alles überschlagen! Scheint es! Scheint!
Auch sehen müssen wir immer wieder lernen. Meiner Meinung nach weißt
du das besser als ich. Deine Sprache ist seherisch würde ich sagen. Das war
sie immer schon. Fragt einer mich, Levinas mit ihm zu lesen, so fängt
das Lesen wieder an. 5W2
Zurück zur Lektüre von Emmanuel Levinas. Bei ihm bist Du in Deinem Element,
hier sagt man: "wie ein Fisch im Wasser". Du hast mich angesteckt und
ich bin fiebrig und unruhig geworden, unzufrieden und zerstreut. Zwischendurch
ziehe ich mich zurück und denke, das ist uns doch alles schon einmal durch
Jesus von Nazareth gesagt worden, der alles sagte und tat, was der Wille seines
Vaters im Himmel ist. Dann beuge ich mich erneut über den Text und lese.
Ich kann nicht anders, als diese von uns begonnene Lektüre und Korrespondenz
ernst zu nehmen und von ihr in Anspruch genommen zu werden. Es ist mir eine mich
plagende Freude. Ich kann auch nicht anders, als Dich ernst nehmen. Deshalb jetzt
auch einige kritische Bemerkungen, nur Kleinigkeiten. Deine Zusammenstellungen
von Autrement, die auch Übersetzungen sind, machen mir Levinas Gedankengänge
sehr transparent und einsichtig. Mann kann verstehen lernen. Wenn ich dann beide
Texte nebeneinander lege, empfinde ich bei Dir mehr einen aussagekräftigen
Klang, eine fast schon kerygmatische Färbung und als ob "der Andere"
als neue Idealität antreten würde. Täusche ich mich? Vielleicht
weißt Du schon ZUVIEL davon und das Denken wird wieder Ontologie. Levinas
Text spüre ich vor allem als befremdlich, steinig, unzugänglich und
mich irritierend, wenig definitiv. Ich reiß jetzt mal ein Zitat aus dem
Zusammenhang: "Hier aber kommt es gerade auf die Weigerung an, sich durch
ein Thema zähmen oder bändigen zu lassen." Er bezieht das hier
auf: Der-Eine-für-den-Anderen;, mir scheint, das gilt aber auch für
sein philosophisches Werk, jedenfalls für Autrement. Ich will hier nicht
so großspurig reden, als ob ich wirklich was kapiert hätte. Ich freue
mich, dass Du die deutsche Buchausgabe bekommen hast, denn die Vorbemerkung des
Übersetzers übers über-setzen hat auch mir gefallen. Also Geduld.
Und Ungeduld. J
Ich weiss nicht ob ich dir schon über "alles" im Evangelium des
Johannes (4. Kapitel) gesprochen habe. Alles ist meiner Meinung nach nicht ein
"absolutes Alles". Er hat mir alles gesagt, bedeutet, jedenfalls so
scheint es mir, "das was für mich alles ist". Es ist "alles"in
meinem Verhältnis, meiner Relation zu ihm. Ein Ihm und mir relativiertes
Alles". Also: er hat uns alles gesagt - uns, wer "uns"? Die
Kirche? Die Schüler? Mir? Wenn einer zu dir sagt: "Das hätte ich
dir vorher sagen können" - einmal, etwas tröstend, das kann ich
mir vorstellen, aber immer? Das ist langweilig und ekelhaft. Bei den Jüngern
von Emmaus ist Jesus kein Besser-wisser. Die Jünger haben nicht gut gelesen,
scheint es. Oder, mehr nach Johannes: sie haben vergessen das Lesen (Schriften)
und Sprechen von Jesus synchron sind. Zuruck
zu deinem Text. Die Passage ist wichtig. Jenseits der Sichtbarkeit. Hier
ist keine Bedeutung (vorhanden). Nicht mehr: "O. Du meinst dies oder das!"
So wie in deinen Bildern. Ich frage mich ob man hier übersetzen muss
:"der eine für den Anderen". Ich frage mich ob "der andere
vor dem Anderen" nicht besser wäre. Ich bin nicht für den Anderen
verantwortlich, aber vor ihm, von Angesicht zu Angesicht, wo er mich sieht. Sein
Sehen ist meine Pflicht Antwort zu geben. Ich kann tun als ob nichts passiert
ist. Da war Keiner. Ich kann den Anderen nicht in ein Thema drücken,
in ein Dit. Dann mache ich einen Gott, und du weisst: das muss ein Abgott sein,
meine Verzerrung der Wirklichkeit - was Wirklichkeit auch ist. Also vor dem
Anderen stehe ich - der Philosoph der versucht zu verstehen - mit leeren Händen.
5W3 Eine Frage zu einem Absatz in Substitution 2. Du schreibst:
Die Verantwortung ist das Sprechen vor dem Gesprochenen. (Mehr als das Gesprochene
-Vergangenheit- ist das Sprechen im Sprechen, jetzt, Aktualität).
Die erste Zeile ist klar ausgedrückt. Die zweite Zeile ist, so wie Du die
Worte gesetzt hast, zu verstehen, als sei das Gesprochene Vergangenheit und das
Sprechen Gegenwart, jetzt, Aktualität. Bei Levinas lese ich es anders:
das Sagen vor dem Gesagten, das "darüber hinaus" ist: . . .,
ohne gemeinsames Maß mit der Gegenwart, nicht in ihr zu versammeln, immer
"schon in der Vergangenheit" - der gegenüber die Gegenwart zu spät
kommt-, über das "jetzt" hinaus, das durch diese Exteriorität
beunruhigt oder zu Besessenheit wird. Hilf mir, wenn ich etwas falsch verstehe.
J
Die Gegenwart ("Ich bin") ist immer Zu spät. Ich kann nicht am
Sprechen des Anderen vorbei kommen. Er bleibt mir vor. Alles was ich dazu sage,
das durch mir wiedergegebene, ist immer ein Wieder, immer später. Auch
meinem Sprechen (Hier bin ich, me voici, Accusativ, sagt Levinas ist die erste
Weise in der Ich bin.) ist der Andere mir vor. Ich komme hinter ihm - bin Nachfolger,
evangelisch Jünger. Der Andere als Lehrer. Gegenüber dem Anderen
(immer Spur, er ist vorbeigegangen - la pasée, das Gesche-ene das als Geschehen,
vorbei, präsent ist, nicht le passé, ein in der Vergangenheit zu fixierendes
Moment, das dadurch als Vergangenheit Teil der Präsenz wird, Thema) ist mein
Sprechen die einzige Möglichkeit die ich habe/bin - Antwort zu geben auf
das Exteriöre das im näher kommen, exteriör bleibt, kein Teil meines
ich, meiner Welt. 5W4
Noch was. Zu "Spur" gibt es in der deutschen Sprache neben der Bedeutung
"spüren" als empfinden auch noch das Wort "spuren" mit
der Bedeutung die Spur halten, sich einordnen, gehorchen, nicht aus der Reihe
tanzen: "und spurst du nicht, dann . . .".! Eine Charaktereigenschaft
die besonders im deutschen Faschismus gefragt war. Dies ist der Gegensatz zur
An-archie der Nähe von der-Eine-für-den-Anderen und der Spur von ich
weiß nicht woher. Lass uns nicht vergessen, wem dieses Buch gewidmet ist. J
Deutsch und Holländisch waren sich schon einig im Bezug auf die Fische im
Wasser. Auch mit das Spuren ist das so. Aber das Negative von "nicht aus
der Reihe tanzen" gibt es im Holländischen nicht. Wenn wir spuren, dann
sind wir wie die Gleise, die neben einander gehen, immer, und nie zusammen fallen,
nie das Spuren aufheben. Ich
gehe morgen weiter mit Kapitel 4. Dies schicke ich dir. Obwohl du unruhig
bist und vielleicht eilig, du musst auch viel Geduld haben, dies Alles zu lesen,
auf die Schale der Waage zu legen um zu sehen ob man da etwas machen kann.
Machs gut.
| | Zwischendurch
" Die Frage Was ist ein Bild? interessiert mich als Bildermaler sehr, wo
wir doch IN SEINEM BILD, wie Buber/Rosenzweig übersetzen, nicht vor
seinem Bild, geschaffen sind und stehen. Zu dem Thema habe ich einen
interessanten Aufsatz von Susanne Dungs im Magazin für Theologie und
Ästhetik mit dem Titel "Bildlichkeit bei Emmanuel Levinas" gefunden.
Mit diesem Thema werde ich Dir bestimmt noch weiter auf die Nerven fallen."
W. Bildlichkeit bei Emmanuel Lévinas
Susanne Dungs intermezzo
| Autrement
.., Kapitel IV 3 Brief
6 200308 6W1
Ein Text. Wie ein Gemälde. Ein Bach am Waldrand. Leicht fließt er dahin,
springt über farbige Kiesel, kräuselt sich, streichelt die vom Ufer
ins Wasser herbabhängenden Gräser, reißt plötzlich ein Blatt
in einen Wirbel und trägt dann beruhigt das Licht des Vorfrühlings mit
sich fort. Ein anderer Text. Nachrichten aus Tibet. Panzer fahren in
Lhasa auf und Soldaten patrouillieren in den Straßen. Die chinesischen Medien
sprechen von einem "Kampf auf Leben und Tod gegen die aufrührerische
Clique des Dalai Lama". Anders.
Und die Sonne ging ihm auf, als er an Pnuel vorüberkam; und er hinkte an
seiner Hüfte (Gen 32, 32). 6W2
Die Ordnung. Die Ordnung der Natur. Die Ordnung der Politik. Die Ordnung der Dinge.
Überall Ordnung, in Reihen zusammengestellt, Ordonnanz, Rang, Befehl.
Sie wird angeordnet und ordnet an. Intension. Ist sie deshalb so ordinär?
Dann. Langsam
und plötzlich. Im souveränen Bewusstsein zuckt ein WENIGER ALS GARNICHTS,
lässt sich nicht ertappen und beschlagnahmen, Passivität. Das Eis
bricht ein. Wer ging vorüber? Im Souverän, im Herr zappelt ein nackter
Mensch? Achte
darauf: affection/defection, hast Du als Wegweiser in Substitution 3 geschrieben.
Und Jakob hinkt. War es dies? Als er an Peni´el vorüber kam. Berührt
und gesegnet. Ergriffen und geschwächt. 6W3
Aufrecht und hinkend gehen? Zurück? J
Gibt es das, ein Zurück? Mir
scheint, das ist ausgeschlossen. Wir gehen zum zweiten Paragrafen. Substitution
IV § 2 260308 Brief
7 310308 7W1
Ein weiterer Denkschritt auf dem Weg zur Stellvertretung: récurrence, zurück
gehen. Laufen. Auf den Zeilen des Textes laufe ich zuerst leichtfüßig
dahin, wie am Beginn eines Spaziergangs in der Frühe, wenn nach dem Aufstieg
in der Morgenkühle auf dem Bergrücken die Felder und Wege, die gewaschen
wurden vom Regen in der Nacht, noch unberührt vom anbrechenden Tag vor mir
ausgebreitet liegen, durch einen sanften Nebelhauch verschleiert und von der Sonne
betastet, die über den Hügeln glühend aufsteigt. Dann geh ich durch
den Buchenwald hinunter zur Quelle des Strundebaches, neben der eine kleine Kapelle
steht. Hier bei Maria murmele ich den Rosenkranz und schaue sie an, wie sie mit
einem Blick zu uns, der all die gesprochenen Worte bewahrt und in ihrem Herzen
erwägt, ihr Kind in ihren Armen hält, das sich zärtlich an sie
schmiegt, von dessen rechtem Füßchen sich eine Sandale löst und
herunter fällt. Jahre werden vergehen und nachdem diese Füße am
See Genezareth, quer durch Galiläa und Samaria nach Jerusalem gelaufen waren,
wird durch sie ein Nagel geschlagen worden sein und Maria wird ihr Kind wieder
in ihren Armen halten. Auf dem Weg zurück, später, wenn der Feldweg,
der in Gedanken schon Heimweg geworden ist, in einen leicht ansteigenden Pfad
mündet, dessen Erde vom Regen aufgeweicht wurde, sinken meine Füße
durch das Gewicht meines ermüdeten Körpers in den weichen Schlamm ein,
der über sie kriechend an ihnen fest klebt, sie einsaugt und nicht mehr frei
geben will. Ich schleppe mich mit nach vorne gebeugtem Körper weiter fort
und mit jedem Schritt, wenn mein Fuß sich aus dem klebrigen Schlamm heraus
gezogen und ein Loch in der Erde hinterlassen hat, in das sofort Wasser sickert,
gibt sie einen seufzenden Laut von sich: "quaaks" oder so ähnlich
und ich nach Atem ringend ein Stöhnen: "oah" oder so ähnlich.
An der asphaltierten Landstrasse angekommen, bleibe ich kurz stehen und stampfe
abwechselnd mit dem rechten und dem linken Fuß mehrmals fest auf, um die
an den Schuhen hängen gebliebenen Erdklumpen abzuschütteln und froh
heim gehen zu können, die Straße bergab bis zum Ortsschild, an der
Sander Kirche vorbei, dann an der Ampel Grün abwartend über den Zebrastreifen
auf die andere Straßenseite und zuletzt noch ein paar Meter bis zu unserem
Haus, das von Efeu überwachsen wird. Langsam werde ich zu alt für solche
mehrstündigen Fußmärsche, besonders für die Rückwege.
Dafür wird das Erinnerungsvermögen an lange Zurückliegendes im
Alter aber besser. Also setze ich mich daheim gemütlich hin und lese entspannt
weiter. Ich blättere noch einmal zurück zum letzten Brief und deiner
schroffen Reaktion auf den hinkenden Jakob Gottesringer. "Gibt es das, ein
Zurück? Mir scheint das ist ausgeschlossen", sagst du. Ich frage mich
aber: Aus was wird ein zurück ausgeschlossen? Aus dem vorwärts rasen
und im Stau stehen durch die Lebenszeit? Wer will es komplett geschlossen hinter
sich lassen? Der sich nicht umdrehen darf, weil er dann zur Salzsäure erstarrte?
Mit welchem Schloss willst du ein zurück verschließen? Mit dem vorgeschobenen
Riegel des Parmenides: "nicht ist, was nicht ist"? Klar ist, auf der
linearen Strecke von a nach b, gestern, heute, morgen, auf der Zeitbahn ohne Gegenspur,
die nur in eine Richtung führt, gibt es kein zurück. Aber. Mit dem "zurück"
ist es vielleicht ähnlich wie mit dem "alles", absolut gesetzt
bedeutet es gar nichts. Ähnlich wie das "du bist mir alles" wäre
seine Bedeutung dann "ich komme zu dir zurück". Der Übersetzer
bezeichnet récurrence als "vor-den-eigenen-Anfang-Zurückgehen".
Vor mich bevor ich war zu dir vor dich zurück kommen? Seele, verloren gegangenes
Wort, Seele, wer bist du? Hören wie du klingst: "ein Klang, der in seinem
eigenen Echo widerklingt". J
Ein schöner Text. Du kannst schreiben. Es ist nicht so einfach diesen
Text als eine Frage zu lesen. Es ist eher ein gehen und dann stehen. Ich lese:
Denkschritt... gehen ... zurückgehen (der Gang, Maria, Kind, Fuss, Galilea,
Jerusalem) aus dem klebrigen Schlamm heraus ... Zuhause ... gemütlich ...
lesen ... KEIN ZURÜCK!?!! Das
scheint von dir nicht gemocht, ich darf das nicht schreiben. Du siehst: "vorwärts
rasen und im Stau stehen durch die Lebenszeit". Warum? Du zeigst in deiner
Beschreibung, dass man auch einfach gehen kann, dass das, was man sieht, auch
Erinnerungen auslöst, einen Moment im jetzigen leuchten sieht. Brunnen, Maria,
Fuss, Kind, Man. Jerusalem. Ich meine einfach: was passiert ist ist passiert.
Ich bin heute nicht gestern, so wie ich heute auch nicht morgen bin. Die Lehrer
sagen: Die Tora fängt an mit ? um uns zu lernen, dass man sein Haupt nicht
in den Wolken tragen kann - da ist ein Strich. Dass man auch nicht auf dem Boden
liegen kann - da ist ein Strich. Mann kann nicht nach hinten - da ist ein Strich.
Man kann nur vorwärts. In der hebräischen Sprache liest man von rechts
nach links. (Also was für den Lehrer vorwärts ist, ist für uns
rückwärts.) Es
wäre unvernünftig zu tun, als wäre nicht geschehen was geschehen
ist. Aber, vorbei ist vorbei. Was willst du hüten, aufbewahren. Ich lese
nochmals. Indertat: Wer das Geschehene leugnet, abweist, "nie wieder",
"nichts getan, gesehen" usw., der zeigt gerade, dass er meint "ohne
mich" sagen zu können. Sein Kopf steckt im Sand. Das heisst nicht, dass
das gewesene uns determiniert, fixiert, betoniert. Es war mal. Wir können
das nicht ungeschehen machen. Aber die Geschichte ist nicht mein Diktator. Geschaffen
sein heisst: losgelöst sein, auf irgendeine Weise frei - was das auch bedeuten
möge, es KANN nicht etwas PHARAONISCHES im Sinne von Exodus 1 haben. 7W2
Subjektivität, Ich, "Wer" oder der "Eine", in sich vertrieben
aus dem Sein, schon bevor ich wurde und aufwuchs und geprägt war und mehr
wollte und viel lernte und wusste und mich entdecken und zeigen und fürchten
und beweisen konnte. Aber unwohl ist mir allein so eingeklemmt und verkrümmt
in meiner eigenen Haut, so straff sie auch früher war, hängst sie heute
doch schlaff an mir herunter. Nur vor dir, dem Anderen, bin ich, der Eine, in
deiner Nähe einzig und unersetzbar in meiner Antwort, im sich vor dir zu
verantworten und dir doch für immer etwas schuldig zu bleiben. Ich, selbst
in sich ohne Unterschlupf, ein spürender irgend jemand, ein namenloser niemand,
nur eine Idee, nur ein Bild. Ausgesät wie Gras, das am Morgen blüht
und am Abend zusammensinkt und vertrocknet? Staub, zu dem gesagt wird: "kehrt
zurück, Adamskinder?" Und der Staub ruft: "Kehre zurück JHWH
- bis wann? (Psalm 90). Ein verwundbarer nackter Leib bekleidet mit einem nur
ausgeliehen Sein als Maske. Ein Pronomen, das sich im Akkusativ sagt: sich, eine
Spur von sich. "Dieses unfassbare Wesen", so Parmenides, das zwischen
einatmen und ausatmen siedelt. Im Leib schlägt sich ein Herz hartherzig und
barmherzig. Hingewiesen auf ein Sollen, ein "Soll, das das Haben übersteigt,
aber das Geben ermöglicht." Die Gabe des sich geben, Hingabe. Das ist
der von mir mutwillig verkürzte ungefähre Lauf des Textes, so wie ich
ihm folgen kann. Im Text scheint Levinas selbst fortwährend ein und aus zu
atmen, ein und aus, ein und aus. Ich spüre ich es in mir dämmern, dann
wieder stehe ich, wie man hier sagt, wie ein Ochs vorm Scheunentor. Der Text überfordert
mich und das Herz pocht pocht. J
Du könntest so schwer sein wie ich noch vor einem Jahr war. Ich suche bei
dir auch nach, einfach gesagt: "mir mangelt nichts", aus den ersten
Versen von Psalm 23. Ich
lese seit einigen Tagen in: Francis J.Ambrosio, Dante and Derrida, face
to face, (New York, State University, 2007). Ich gebe den Text: The
promise of writing reveals a secret calling. This means that writing is a promising
business: it is set to work by the need, the necessety, to make and keep promises.
This necessity is absolute; without promise, nothing happens, neither world nor
history. According to Genesis, the Book of Beginning, the history of the world,
the universe, unfolds as the making of a promise: Let there be light! Let there
be the revelation of something new, a beginning full of promise. Let a new dawn
break, and break again and again. The world begins with promise, with the promise
of light, revealing together the posssibility of a world and of history. Light
is the illuminating possibility of world history. Light calls into evidence the
possibility of making promises and of keeping promises; that is, light is the
calling into existence of persons, the being that is capable of promise making
and promise keeping. Light is the calling of, the calling to, freedom. Light illuminates
the possibility of the world as the place in which the history of freedom occurs. Das
hatte ich noch nicht so gedacht, dass das Geschriebene ein Verprechen sein könnte. Levinas
schreibt übrigens keine Psychologie. Das zurückgehen ist nicht, noch
einmal und nun besser in sich selber hineintreten, um jetzt endgültig ICH
zu werden. Nein, wenn ich die aktiven Wörter benutze, dann sagt Levinas:
das ist mir entzogen. Es ist auch einfach. Oben ist schon geschrieben, dass
Levinas schon versteht was gesagt wird im "Ich stelle mich" von Fichte.
Levinas sagt einfach: das unterstellt etwas (nicht- "ich"-tiges). Dieses
Etwas scheint nicht nur Anderes, oder Geschehenes zu sein. Recurrance.
7W3
Eine der allerkürzesten, mich nicht los lassenden, uns überlieferten
Geschichten wird in einem einzigen Satz erzählt und von Markus (Mk 15,21)
aufgeschrieben: "Und sie zwingen einen Vorübergehenden, einen gewissen
Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater Alexanders und Rufus, dass er sein
Kreuz trage." Eine karge Begebenheit am Rande, ein paar knappe Stichworte,
mehr nicht. Was wird uns gezeigt? Einer geht vorüber, hinauf nach Jerusalem,
nach Hause, zu Frau und Kinder. Am Vortag des päsach, morgens früh kommt
er vom Feld zurück. Von weitem schon hört er Befehle schreiende römische
Soldaten, laut spottende Männer, wehklagende Frauen mit ihren Kindern, sieht
Passanten, die vor einem sich weiterschleppenden Mann zurückweichen, auf
dessen Rücken ein hölzerner Balken liegt, an dem seine Hände mit
Stricken gebunden sind. Simon kennt das, er stammt aus Kyrene, war nach Jerusalem
zurück gekehrt, wollte hier in Frieden alt und begraben werden. Simon kennt
das, ob Kyrene oder Jerusalem. Sie werden gebunden und angenagelt an Pfählen,
Kreuzen und Bäumen, zum Zerbersten verkrümmt und gebrochen zu allen
nicht denkbaren Gestalten. Er kommt näher und sieht ihn mit dem Gesicht in
den Staub fallen, sieht die Krone aus geflochtenem Dornenreisig sich tiefer in
seinen Kopf hinein stechen und das aus den Wunden tropfende Blut sich mit dem
Staub vermischen. Jemand trägt eine Tafel mit einer Aufschrift. Aber Simon
hat keine Zeit sie zu lesen: "He, du, trag den Balken!" "Ich?"
"Was soll ich tun?" Er wollte wie die anderen ausweichen, sich davon
stehlen, aber zu spät. Er trägt. Sie ziehen durch das Tor hinaus vor
die Stadtmauer bis zum ehemaligen Steinbruch, die Stufen hoch zu einem noch stehen
gebliebenen Kalkfelsen, mit einer Vertiefung, in die der Balken eingelassen werden
wird. Und so war es geschehen: "Und wenn jemand dich zwingen wird,
eine Meile zu gehen, mit dem gehe zwei!" (Mt 5,41). J
Als Kollege möchte ich sagen: das ist gute Exegese, und gut gelesen.
Lesen ist ja mehr als nur Exegese. Mit der Exegese fängt das lesen/leben/lieben
erst an. In meinem Leben als Lehrer hab ich immer versucht zu zeigen, wie
unsere Tradition einen Brunnen hat, wo, wer trinken will, zu trinken findet. Mann
muss sich verbeugen, das schon. Aber wenn man sich untereinander etwas Mut gibt,
dann betreut man meiner Meinung nach was früher angedeutet wurde mit dem
"Glaubensschatz". Waldemar,
ich weiss nicht ob ich dich gelesen habe. Nehmen wir uns Zeit, morgen bin ich
wieder unterwegs. Donnerstagmittag versuche ich den Zweiten
Teil von IV,2 zu tun. Brief
8 070408 8W1
Wieder sitze ich, Sonntagmittag, Maria und Olivia sind heute nach Köln gefahren,
am Schreibtisch und sehe in das noch leere Seitenlayout, das weiß auf dem
Bildschirm hervorgehoben ist. Draußen im Garten rüttelt die bleichen
Gräser der kalte Wind und darüber saugt sich voll der papierweiße
Himmel mit blauschwarzer Tinte, um übermütig auf schon lang verblühte
braune Blütendolden eine handvoll Eispartikel hinabzuwerfen, die wie auf
einem Trampolin zwei drei mal hin und her und übereinander hinweg hüpfen,
dann in den Mulden liegen und vom Wind geschaukelt werden. Während ich weiter
schreibe schmilzt der unverhoffte diamantene Blütenschmuck und die hohen
Stengel hinunter rinnt in den Tropfen das Licht. J
Ich lese: hier bin ich. Im
Innern von "Drausen". 8W2
Meinen Freund Jan, der heute morgen in seiner Predikt
über Lukas 24, 13-35 gesprochen haben wird, sehe ich, erinnert euch,
einen Ball hochwerfen, der irgendwo zwischen
Himmel und Erde stille hängt. Fast nichts. Erinnern wir uns? Unwillkürlich
und fröhlich, um den Ball zu erhaschen, hoben und streckten wir unsere Arme
und öffneten unsere Hände wie Oranten, hüpften in die Luft und
. . . Ja, damals. Das war schön. J
Ich lese: "Und du ..." Ich habe den Eindruck das du dir
durch das Blid ableiten läßt. Die Stille des sich befinden soll das
hypostasirtes rückgängiges, sich sein, Schöpfung, da. 8W3
Versuchen wir fast nichts noch mal anders. Jan klettert in einen Brunnen hinab
und sucht dort den Brunnen des Brunnen. Ein risikoreiches und einsames Vorhaben.
Hinabgeklettert bis auf den Grund, verschmiert mit Erde sind Hände, Gesicht
und Kleidung, schaust du nach oben und siehst im kreisförmigen Ausschnitt
des Himmels eine Wolke vorüber ziehen. Allein in der Dunkelheit stehst du
mit den Füßen im Quellwasser, hörst ein plätscherndes Geräusch
und rufst laut: "ist da jemand"? oder eine leise Stimme flüstert
deinen Namen: "Jan" und du antwortest erschrocken: "hier bin ich".
Das ist das merkwürdigste, du triffst auf einen anderen, der ebenso dort
unten sucht. So haben wir uns Anfang Februar angetroffen und anschließend
unsere Korrespondenz auf der Suche nach Emmanuel Levinas begonnen. So wird es
passiert sein. Aus dem Brunnen herausgestiegen und sich auf halber Strecke im
Mai in Arnheim wieder zu sehen wird bestimmt schön. 8W4
Kurz nachdem ich 8W1 geschrieben hatte, kam deine mail mit dem vor zwei Wochen
aufgenommenen Foto von dir. Du stehst da, vermutlich in irgendeiner Straße
in Amsterdam, die Regentropfen glitzern auf deinem Mantel und Hut und du schaust
traurig in die Kamera. "Es geht mir wieder gut", sagst du und doch mache
ich mir Sorgen um dich, ich weiß nicht warum. 8W5
Mein Versprechen, mich zu bessern und am Text zu arbeiten, habe ich wieder nicht
halten können und mich an die Bilder wie an Strohhalme geklammert. Komm,
gehen wir noch ein Stückchen. J Das
Bild beim Brunnen der Brunnen rief mir in Erinnerung wenn ich das erste Mal
in der Zeche war, Steinkohlgrube. Wir waren irgendwo 800 m. unter den Boden.
Ein Kollegen der mir alles zeigte sagte: "Jetzt muss du deine Lampe
aus tun. Das taten wir. Wir sahen nichts mehr, sogar nicht nichts. An meine
Nasespitze fühte ich die Wärme meines Handes aber es war weiter
nichts. Nur ich. Versuche nochmals ab es was zu fragen gibt. Kann sein
das das nicht so is. Es ist auch nicht ein Pakket Kenntnis das mein sich
in seinen Koph hinein drücken muss um zu wissen. Hier gibt es nichts
zu wissen. Es wird versucht auf irgend eine andere Weise zu sehen oder stille
zu stehen. Ist das was? Das
zweiten Stück des zweiten Paragraphen hat nicht viel neues geboten. Es hat
haupsächlich das vor-ursprungliche (vor dem ich als Ursprung von Sichselbst)
nennen wollen, vielleicht deuten. Wir
müssen weiter. Oder vielleicht lesest du noch einmal den IV. Kapitel bis
jetzt. Es müssen sich einige Pfaden durch dem Gebiet abzeichnen, wie die
Schafenpfäder auf den Hügel am Rande der Wüste. Zwischenbrief
9
150408 Jan,
wenn ich draußen laufe,
so bleibe ich ab und zu stehen, drehe mich um, werfe einen kurzen flüchtigen
Blick auf den hinter mir liegenden Weg und gehe weiter. So ganz ohne mich umdrehen
und den Anblick genießen geht es nicht. Der gegangene Weg, wie er so still
zwischen den Bäumen, an Feldern und Wiesen vorbei, auf Hügel hinauf
und hinab daliegt, strahlt etwas selbstgenügsames aus, gleichgültig
ob er auch dem einen oder anderen Zweck gedient haben mag, gefällt er sich
darin gegangen zu sein. Vor
erst zwei Monaten schickte ich eine Mail ins Unbekannte und es gab dich tatsächlich
noch. Wir begannen eine Korrespondenz und seit kurzem lesen wir in Autrement.
... sonst freue ich mich sehr ... auf der Suche nach Emmanuel Lévinas ...
obwohl ich manchmal schwer von Begriff bin. Ich finde, unsere Korrespondenz ist
für beide sehr fruchtbar und im Garten, dein Wort, wachsen verschiedene Pflanzen,
auch welche ohne Früchte, die aber sehr schön anzuschauen sind, wundervoll
duften und unser Herz erfreuen. Was
blieb hängen bei mir von der bisherigen Lektüre? ... Was mir
bei Lévinas zu Beginn besonders gut gefallen hat, war das Wort von der
Dispersion, das haargenau mein sehen beschreibt, das ich nicht ungesehen lassen
wollte und mit chinesischer Tusche auf Papier versuchte fest zu halten. Das
Wort der Besessenheit bleibt mir dagegen noch fremd, obwohl ich weiß, was
er damit meint. Besessen ist ein Mensch von Dämonen, aber vom Anderen? Das
ist wirklich neu gesagt, befremdlich, aber es stimmt. Weiter.
An etwas oder jemand nur interessiert sein konnte ich kaum, dafür begeistert
werden, inspiriert, gefallen finden, ja, alles dran setzen, nicht mehr aufhören
können, sich ins Unglück stürzen, dich, Geliebte, mit den Augen
verschlingen, in saure Äpfel beißen, im Gebet die Haut abgezogen bekommen,
trockenes Brot genießen, das Gras wachsen hören, im eigenen Saft schmoren,
nie mehr sich aus der Umarmung lösen, für deinen Kuss alles geben, für
deinen zärtlichen Blick sterben, dein Kind durch die Welt tragen, Fleisch
für deinen Hunger sein, vor Scham in den Boden versinken, das Herz zu Stein
verhärten, immer wieder gefallen finden an dir und dein Gesicht liebkosen.
... "bei allem, was du tust, sieht es so aus, als würdest du dich körperlich
verzehren." Ein Mensch aus Fleisch und Blut, Subjektivität, Ich, Sich,
Leib, Körper, Inkarnation, Sensibilität, Nähe, Genuss, Schmerz,
Berührung, Verwundbarkeit, Unmittelbarkeit, Nacktheit, Müdigkeit, Schlaf,
Schlaf und Schlaflosigkeit, Passivität, passiver als Passivität. Ich
hoffe, das war nicht zuviel dummes Zeug, nur ein kurzer Rückblick, was ich
glaube kapiert zu haben, obwohl es nichts zu kapieren gibt. Das
lebendige Leben gefällt sich selbst am besten, das Herz pocht und pocht auf
sich, die Lust begehrt maßlos, der Hunger isst sich selbst auf und alles
ohne Philosophie. Doch das Gute, was ist das Gute? Der Bissen Brot, den ich mir
aus dem Mund reiße und dir gebe? Stille. Du
hast recht, der Ball hängt noch immer in der Luft. Waldemar
J Nur
Kurz dein Brief war gut. Und was dein Denken oder "ich vermute" angeht
- ich habe den Eindruck das es stimmt. Die Erfahrung deutet was Levinas sucht
in den Text über Le Soi.
Autrement
...§ 3, Le Soi/Das Sich W Brief
10 210408 Jan, ich
muss gestehen, beim 3. Paragraphen "Das Sich" stehe ich mir selbst auf
den Füßen, sitzend beginne ich die Lektüre, lege das Buch nach
ein paar Zeilen wieder weg, stehe auf und gehe in den Garten eine Zigarette rauchen,
versuche mit allen denkbaren Ausreden Aufschub zu erwirken, du weißt schon:
"lass mir Zeit" undsoweiter, die Sonne scheint doch so schön und
warum jetzt auch noch das: besessen vom Unbekannten, verfolgt vom Bekannten, angeklagt
für weniger als Nichts, schuldig am Alles, gegeiselt von Fremden, verantwortlich
für Dich. Das ist wirklich mehr als genug. Emmanuel
Lévinas Denken kommt so harmlos daher, der andere ist heilig, ja das hört
sich gut an, lässt sich gut zitieren, die Dispersion kurz durchquirlen, Nähe
und Berührung haben wir auch ganz gerne, ab und zu sich ein bischen Anarchie
gönnen, über die Strenge schlagen und mal so ganz und gar passiv entspannen
gehört auch dazu. Das wars dann aber auch schon mit der Philosophie. Man
muss ja nicht übertreiben. Das aber ist nicht Emmanuel Lévinas. Sein
Denken ist in meinen Ohren wie eine DE-TONATION, bei deren Knall ich schlagartig
gar nichts mehr höre. Der Titel "Sprengsätze" von Rafael Capurro
bringt das auch auf den Punkt. Noch
einmal kurz zurück zu récurrence, bei der Lévinas auf den Leib
gestoßen ist. Der Körper, das ist der Klang-Körper der Empfänglichkeit,
durch den der Ton in seinem Echo klingt, wiederklingt, mitklingt, zittert, bebt,
bezaubernd und schmerzend schwingt. Ich sehe Lévinas an einem Teich im
Gras sitzen. Er sinnt still nach über sich, betrachtet nachdenklich all die
schwankenden Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, sieht die flüchtigen
Spiele von Licht und Schatten an, die im Anschauen schon wieder vergangen sind,
hört das leise Plätschern der ans Ufer strömenden Wellen, hört
wie ein vom Wind herbeigewehtes Blatt sanft auf das Wasser fällt und wie
ein Kahn dahin treibt. Erstaunt über die aus den Sedimenten ab und zu aufsteigenden
Luftblasen sitzt er reglos in sich versunken da. Plötzlich springt er unvermittelt
ruckartig auf und stürzt sich kopfüber mit seinen Klamotten ins kalte
Wasser: PLATSCH. Klang-Körper. Das Geschöpf Mensch. Und dann Besessenheit?
Dazu habe ich im Zwischenbrief 9 schon versucht etwas zu sagen. Ein schwieriges,
befremdliches Wort, das Ängste schürt, ein Wort des Übergangs,
in der Nähe von Krankheit, Wahn, Sucht, Dämonie. Besessenheit, die der
Reinigung bedarf, rätselhafte Rückkehr in die Haut als Geschöpf,
Übergang ins "Hier bin ich", dreimal gesagt wie Samuel. Aber gehen
wir nicht zu schnell zur Stellvertretung? Die Besessenheit ist, meine ich, die
De-tonation und wenn der aufgewirbelte Staub der Ego-Trümmer sich wieder
gelegt hat, sehen wir vielleicht besser, was mit uns passiert ist, durch welche
Passage wir wohin getragen wurden, was alles nun passé ist, welchen Passanten
wir noch begegnen werden, auf welche Reisen wir als Passagier geschickt werden,
welches Passah uns noch angekündigt wird, zu welcher Passion wir noch gerufen
werden und ob wir das passiver als Passivität: "Hier bin ich" sprechen
werden. Das ist ÜBERGANG.
"Der Augenblick". ". . . sondern der Augenblick, dieses wunderbare
Etwas, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe, keiner Zeit angehörig ...
tritt es dann nicht immer in eine Mitte zwischen Bewegung und Ruhe und ist dann
weder, noch ist nicht, und entsteht dann weder, noch vergeht?" (Platon
"Parmenides"). Waldemar
IV
Substitution, § 2b Brief
11 10.05.08 Jan, eine
stotternde Antwort von mir, ein Versuch zu schreiben. Noch
bevor dein letzter Brief, der so eindringlich vom Sich handelt, bei mir auf dem
Bildschirm lesbar wurde, hörte ich bis hierher nach Bergisch Gladbach vom
fernen Amsterdam den Schall deiner hämmernden Gedanken, so unmöglich
das scheint, so ist es doch wahr. Ich wartete und fragte jeden Tag: "Was
bedeuten die Schwingungen? Was kommt?" Es kam, dass deine herausgehauenen
und herausgestemmten Worte, die hinter dem vorausgeeilten Schall bei mir auftrafen,
mich sehr berührten, ich ganz baff war. Deine Erläuterungen und
Zusammenfassungen von Levinas waren schon immer bewundernswert klar und anschaulich.
Du hast mir damit geholfen, schrittweise mich einzulesen, einzudenken, mir viel
Raum gegeben für mein eigenes Schattenboxen und dabei sachte mich ans Denken
von Emmanuel Levinas herangeführt. Und nun spürte ich beim Lesen
deines Briefes dich ganz nah und direkt bei der harten Arbeit und all meine schönen,
gescheiten Gedanken, die ich dir schreiben wollte, von der Buche auf dem Schulhof
zum Beispiel, stürzten auf einmal wie ein Kartenhaus in sich zusammen auf
einen ungeordneten wirren Haufen. Ich
bin verstummt und suchte dann lange nach der Bedeutung von "Was fehlt?"
Ich verstand deine Frage nicht, wo ich doch alles in Betracht gezogen zu haben
glaubte. Eine andere Frage
drängte sich immer wieder nach vorne: "Wie klangen damals, fünf
lange Jahre von 1940 bis 1945, die Echos der Axtschläge im Wald von Fallingbostel
bei Hannover, wo Emmanuel Levinas als Kriegsgefangener im Stalag XI B unter Bewachung
seiner Verfolger Waldarbeit verrichten musste, das Echo von Axtschlägen,
die bis tief in sein Nachdenken wiederhallen und deren Schallwellen bis heute
an unser Ohr dringen?" Ich weiß, was du vielleicht sagen willst: "Lass
es vorbei sein." Es ist ja auch vorbei. Aber
wie ist das, die Verantwortung für die Verfolger übernehmen? Wenns hart
auf hart kommt ums Leben. Die Verantwortung, die wir aus eigener Kraft gar nicht
auf uns nehmen können. Auch wenn Levinas Philosoph ist und kein Psychologe
oder Politiker, auch kein Moralist oder Ethiker, das habe ich schon verstanden,
sind seine Gedanken doch nicht abstrakt entrückt und deuten in unser konkretes
wirkliches Leben bis in die realen harten Wirklichkeiten und verrücktesten
Fakten, wo es nicht ums besser und auch nicht ums guter werden geht. Ob ich
will oder nicht, das Leben fesselt mich, ge-bund-en und be-geist-ert, so weiß
ich nicht mehr, bin ich an dich und an euch und an jenen geklebt oder wurdest
du und ihr und jener mir aufgeladen. Was fehlte? Wie fehle ich? Ich wollte
megaintelligent alles passé einkalkulieren, alles schon vorher gewusst
und vorausgesehen haben, das Beste und Schlimmste schon erwartet und eingerechnet,
vollständig für jedes Unheil gewappnet und auf alles noch ausstehende
Glück gefasst sein. Aber weit gefehlt. Diese Frage kann ich dir nun nicht
beantworten, ist nicht zu beantworten, selbst mit dem Satz: "es kommt immer
anders als man denkt" ist sie nicht zu bannen, wie auch immer ich sie beantworten
will, jedes Mal schließe ich dieses Weh des Anderen, diese Lücke mit
gereimten Dummheiten, ohne freigesprochen werden zu können, diesen unendlichen
Riß in der Stadtmauer von Jerusalem, der doch offen bleiben wird müssen,
das Einfallstor für die Verfolger, damit ich selbst vor dem Riß stehe
ohne ihn schließen zu können, oh Jerusalem, du Schöne, immer andere.
Stolz, ich gestehe es,
bin ich auf das Wort der De-tonation, das ich von niemand anderem gehört
oder gelesen hatte und auch kein eigener Einfall ist, sondern von irgendwoher
draußen in mich eingefallen ist, gar nicht wie ein explosiver lauter Knall,
der einem zu etwas verdonnert, sondern eher wie diese zarte leise lautlose Stimme.
De-tonation, ein leichter
Lufthauch einer Stimme, die nicht deine eigne ist. Niemand ist da. Vor allem Gesagten
und noch Sagbaren: anders als. Noch etwas seltsam anderes ist geschehen als
ich am Schreibtisch saß und in deinem Brief las: "Es gibt zu tun"
und "Wie kann ich das auf mich nehmen?" Die
Kerzenflamme flackerte durch die Schallwellen der Hammerschläge. Ich wollte
das zuerst übergehen, aber obwohl wir ja mitten im Buch sind, wurde ich noch
einmal an den Anfang zurück geführt. Du erinnerst dich, Ezechiel 3,
20 und 9, 4-6. Du hattest ein sehr schönes Bild gefunden: die Worte des Propheten
Ezechiel sind wie eine Kerze, die am Rande des Textes brennt. Ich hatte sie fast
vergessen und nun flackerte die Kerzenflamme vor mir. Mehrere Tage habe ich diese
Woche das Prophetenbuch aufgeschlagen und musste lesen und lesen. Es hat mich
nicht losgelassen. Ich kann das Gelesene kaum kommentieren, es war ja auch nur
ein Flackern: "Öffne deinen Mund und iß, was ich dir gebe . .
." und alles was dann noch folgt. Mehr
kann ich jetzt nicht schreiben. Irgendwie ist auch mir nun die Zunge am Gaumen
festgeklebt worden. Mein Bedürfnis nach klugen Sprüchen ist mir
vergangen. Gerade deswegen will ich dir den Text aus der Sonne doch noch zumuten,
obwohl ich ihn selbst schon verworfen habe. Wenige
Schritte neben unserem kleinen Häuschen steht hinter dem Zaun, der den Schulhof
umgibt, eine riesengroße alte Buche, deren starke silbergraue Äste
hoch über das Dach des Hauses und weit nach allen Seiten hinaus ragen. Noch
gestern leuchteten in der Abendsonne an grünenden Trieben, ausgestreckt wie
Arme, in den blauen Himmel erhoben, wie Hände, die kostbare Kristalle trugen,
unzählige kupferfarbene Knospen. Plötzlich, niemand sah es, wurden
in dämmernder Nacht die zum Platzen prallen Knospen entbunden und die Buche
überschwänglich umhüllt mit einem hellgrünen Blätterkleid,
so zart und frisch, dass wir am nächsten Morgen unseren Augen nicht trauten.
Der laue Frühlingswind weht nun unablässig Knospenhülsen auf den
Gartentisch und auch in meine Kaffeetasse. Bald wird ein in alle Ritzen dringender
gelber Blütenstaub die Umgebung überhauchen, die Wege, die Fensterbänke,
den Tisch und die Stühle und wir, die dann wieder draußen in der Sonne
sitzen, werden ein Kribbeln in der Nase spüren und niesen müssen, wie
jedes Jahr um diese Zeit. Warum
wollte ich das erzählen? Wieder einmal war ich vom Schreibtisch aufgestanden
und vor Ezechiel in den Garten geflohen. Während ich den aufsteigenden Zigarettenrauch
betrachtete, kommt mir geradewegs Martin Heidegger in den Sinn: die Physis, die
in ihrem Hervorkommen um so mehr sich in sich verhüllt, das Sein, das in
der Unverborgenheit seines Erscheinens, a-letheia, sich weiterhin vor uns verbirgt
und zu Denken gibt. Aber, oh Gott, der Mensch? Eine Aus-nahme? Wenn
ich diese Sätze jetzt so im Nachhinein lese, frage ich mich, warum ich so
einen Quatsch niederschreibe. Waldemar. Komm, gehen wir weiter.
19
Mai 2008 Arnheim Autrement …28.07.08
§ 4. La Substitution
Fr. 144/179; D. 251; N. 165
Der erste Satz hat etwas bekennendes. Ist der Text genügend treu gewesen
der An-archie der Passivität. Machen wir eine kleine Rekonstruktion.
Das ich hat sich im ersten Paragrafen durch und durch, absolut passiv gezeigt.
Statt einer der etwas tut oder tun möchte ist es einer geworden der ständig überfallen
wird/ist, passiv. Diese Passivität macht dem Ich das in conatus essendi – das
Streben nach sein eigenes sein, Autors des eigenen Ichs - ohne Archè erscheint.
Ich bin nicht Anfang des eigenen Ichs, kein Ursprung mehr. Nicht mehr: ich halte
mich, ich tue, aber es trifft mir, alles trifft mir.
Levinas fragt sich: ist das in sich seiende des Obsedierten, Verfolgten Ich
nicht eigentlich, ins geheim noch immer Anfang seines selbst? Denken wir also
nicht eigentlich noch immer ontologisch über das seiende Sich, als immerwährendes
bei sich selbst sein? Auch wenn’s nur geht um das sich sein des sich
suchenden, sich selbst fehlenden ich/sich?
Auch wenn ich untergehe, mich unterwerfe, immer stehe ich auf als derjenige
dem das Zutreffende zutrifft.
Dann kommt eine Gleichung mit das Wort Schöpfung. Schöpfung heißt,
dass der Schöpfer und das Geschöpf nicht nur dia-chron sind,
ungleichzeitig. Levinas schreibt dass die creatio ex nihilo (Schöpfung
aus dem Nichts) wenn’s kein non-sens ist, immer eine Kluft aufbewahrt zwischen
Schöpfer und Schöpfung. Es ist eine Brücke, die es nicht gibt,
weil eine Brücke immer ruht auf zwei tragende Punkte, wo es hier nur
ein Punkt gibt. Die andere Seite ist dem Sein des Geschöpfes entzogen.
Das sich-selbst muss außerhalb jeder Übereinstimmung,
als Zusammentreffen (Identification) mit seinem selbst gedacht werden – als hätte
es keine identifizierbare Substanz. Darum geht das in sich zurückgehende
Ich weiter zurück als das sich. Deswegen kann auch geschrieben
werden: meine
Verantwortlichkeit macht mich immer mehr verantwortlich, mehr als
ich verantworten kann. Ich kann das Sprechen des Anderen (Visage,
der Anderen der mich anseht), nicht beenden. Wenn es so etwas gäbe als meine Identität, mein
Ich, so wird das meinige immer mehr angefressen. Gewissensbisse.
So kann man diese Situation der Verlorenheit ohne Ende vielleicht am Besten
beschreiben als Geisel sein.
Dann der Kernsatz: Le mot Je signifie me voici¸ répondant
de tout et de tous.
Das Wort ich bedeutet: „Hier mich, sehe“ – Antwort gebend
für
alles und für alle.
Das in sich ruhen des Ich ist zersplittert. Weg.
Und auch wichtig:
Meine Verantwortlichkeit für was ich nicht gewollt habe – bedeutet – gilt
den Anderen.
Heißt das nicht: an Stelle des Anderen vorgeladen sein.
Was sagst du dazu, dass Levinas hier das Wort Inspiration einsetzt, das Leben
der Seele.
Substitution – nicht: ich stelle mich als Stellvertreter des Anderen,
aber: das Ich des Hyperstases (von unten hoch kommende, aufkommende,
sich regende) wird das Ich des sich unterstellenden, sub-stare, stitueren – sich
immer unterstellenden, tragenden.
Ich meine, dass die allgemeine Übersetzung des Stellvertreten eine Fehldeutung
ist. Ich kann nicht in meine Verantwortung eintreten statt des Anderen, nur
für den Anderen. Vor ihm, für ihm. Jeder Andere ist ein Einbruch
in die Ordnung des Ganzen, in meiner Welt eine Ausnahme. So ist jeder
auf irgendeine Weise der Ort wo die Welt nun entsteht, die Welt die versucht
Antwort zu sein – ich stelle mich.
30 juli 2008
Die Korrespondenz wurde Anfung August eingestellt
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